Verhaltensauffälligkeiten
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wie Kinder ihren Selbstwert schützen
Liebe Eltern,
vielleicht haben Sie auch schon einmal erlebt, dass Ihr
Kind auf die freundliche Frage, wie es denn heute in der Schule gewesen sei, mit
den Schultern zuckte oder nur sehr einsilbig antwortete. Vielleicht haben Sie
lange gesuchte Probearbeiten unter der Matratze gefunden oder sind Sie am
Nachmittag mit Ihrem Schulkind seit Wochen in einen Hausaufgabenkampf
verwickelt. Oft spricht dann der Lehrer oder die Lehrerin von Verhaltensauffälligkeiten,
und Sie selbst fühlen sich schuldig, haben doch all' ihre Bemühungen, all'
Ihre Zuwendung nicht ausgereicht, um aus Ihrem Kind einen angepassten und
erfolgreichen Schüler zu machen.
Verhaltensauffälligkeiten
sind Notsignale
Kein Kind ist ohne Grund, einfach "zu Fleiß"
verhaltensauffällig. Auch wenn diese Kinder oft den Eindruck erwecken als sei
Schule ihnen "scheißegal". Meist sind solche Handlungen Notsignale,
mit denen Kinder verzweifelt versuchen, wenigstens kurzfristig ihren Selbstwert
zu schützen.
Von der
Sinnhaftigkeit des Anstrengungsverzichts
Schule ist ein Ort, der vielfältigen Stress für Kinder
bereithält: Sie müssen in einer bestimmten Zeit Leistung erbringen und genügend
Kontakte knüpfen, um einen Platz in der Klassengruppe zu finden. Können Kinder
diesen Anforderungen nicht entsprechen, erleiden sie eine gefährliche Bedrohung
ihrer Identität. Kurzfristig betrachtet ist ihr auffälliges Verhalten durchaus
sinnvoll. Es ist sozusagen das Beste, was der seelische Organismus bereithält,
um die Balance zwischen der Person des Kindes und den Aufgaben in der Schule
wieder herzustellen. Wenn Ihr Kind seine Schulaufgaben versteckt, muss es zur
eigenen Scham nicht auch noch Ihre Enttäuschung ertragen. Wenn es keine
Hausaufgaben macht, braucht es sich nicht auch noch zu Hause mit dem eigenen
Versagen zu konfrontieren. Die freie Zeit dagegen mit Erfolgen im Fußball oder
beim Spielen mit Freundinnen zu verbringen, nährt das bedrohte Selbst. Was aber
ist das Selbst?
Was die
Entwicklungspsychologie sagt
Die zentrale Instanz unserer Persönlichkeit wird in der
Psychologie als das Selbst bezeichnet. Dieses Selbst steuert die Persönlichkeit
und bestimmt, wie wir die Ereignisse wahrnehmen und bewerten, welche Gefühle in
uns ausgelöst werden und wie wir handeln. Diese Kommandobrücke hilft uns, über
die gesamte Lebensspanne unsere Identität zu wahren. Wie unser Selbstbild
schließlich beschaffen ist, kann unsere Entwicklung befördern aber auch
hemmen. Das Fatale im zweiten Fall ist, dass Kinder wie Erwachsene sich zur
Aufrechterhaltung ihrer Identität schließlich so verhalten, wie ihr Selbstbild
es ihnen vorgibt. Glaubt ein Kind, dass es einen Defekt hat, weil ihm in der
Schule manche Aufgaben äußerst schwer fallen, dann zieht der Mark, zieht die
Melanie in einem ersten Impuls es vor, lieber das Kind mit dem Defekt zu sein
als etwas an der Situation zu verändern. Mit dieser Botschaft aus ihrem
Selbstbild sind die Kinder wenigstens wohl vertraut.
Von den
Befriedigungen lebensnotwendiger Bedürfnisse
Wir Menschen kennen eine Reihe lebensnotwendiger Bedürfnisse,
die befriedigt werden müssen, damit wir uns entwickeln und nicht krank werden.
Auch durch diese theoretische Brille gesehen, kann Anstren- gungsverzicht zunächst
sinnvoll sein. Welche Bedürfnisse sind gemeint? Da gibt es die Sehnsucht nach
Geborgenheit und Sicherheit. Dann die beiden Hauptmotive, das nach Bindung und
Liebe und das nach Autonomie und Selbst-etwas-bewirken; und schließlich der
Wunsch, in meinen Leistungen und Aktionen anerkannt zu werden.
Versagt ein Kind in der Schule, erhält es keine
Anerkennung mehr, und muss es fürchten, die Liebe seiner Eltern und Lehrer zu
verlieren, dann ist das "So-tun-als-ob-alles-in-Ordnung-wäre" eine
sehr vernünftige Reaktion. Genauso sinnvoll ist es aber auch, sich die
Anerkennung anderswo zu holen: auf dem Fußballplatz, beim Spielen mit
Freundinnen.
Sie werden sicher erkennen, wie falsch es ist, einem Kind,
das in der Schule versagt, auch noch solche wichtigen Erfolgsfelder zu
streichen.
Was können
Eltern tun?
(1) Der erste Schritt ist immer das mutige und einfühlsame
Öffnen der Tür, damit Scham und Verzweiflung mitgeteilt und im wahrsten Sinne
des Wortes geteilt werden können. Mutig ist dieser Schritt deshalb, weil er an
Ihre eigenen Ängste als Vater oder als Mutter rühren kann.
(2) Hilfreich ist auch, wenn Sie anschließend von eigenen
Versagens-Erfahrungen in Ihrer Schulzeit erzählen und wie Sie sich damals
verhalten haben und was Ihnen geholfen hat.
Mit solchen Erinnerungen geben Sie Ihrem Kind die Botschaft: Ich verstehe
Dich!
(3) Erst jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, pragmatisch nach
einer Lösung zu suchen, wobei Schulberatungsstellen wertvolle Hilfe leisten:
Wie sieht das intellektuelle Begabungsprofil meines Kindes aus? Wie groß sind
die Kenntnislücken und wie können sie geschlossen werden? Wie verletzt ist die
Psyche meines Kindes?
Autorinnen:
Katharina Schlamp / Dr. Christine Kaniak-Urban
s.a.: Dr. Kaniak-Urban/Schlamp 2000: Mit Spaß und Erfolg
durch die Grundschule, Urania-Ravensburger-Verlag Berlin