Die Weichen richtig stellen
Der Abschied von der Grundschule: Übertritt in die
weiterführende Schule
Liebe Eltern!
„Ich will doch nur das Beste für unser Kind, ihm keine
Chance verbauen!“ Diesen Satz hören Lehrer, die in einer vierten Klasse
unterrichten, von fast allen Eltern, wenn es um die weitere Schullaufbahn geht,
so auch von der Mutter von Iris.
Doch welche Schule ist die beste? Diese Frage lässt sich oft gar nicht leicht
beantworten, auch wenn wir wissen, dass das Gymnasium das höchste Image genießt
und das Abitur die meisten Eintrittskarten für Berufseintritte zu vergeben hat
und deshalb auch am häufigsten angestrebt wird.
Die pädagogische Kunst ist es die Schulart zu finden,
deren Anforderungsprofil in möglichst hohem Maß mit der Leistungsfähigkeit
und Leistungsbereitschaft des Kindes übereinstimmt.
Wie lernt das Gymnasialkind, das Realschulkind, das
Hauptschulkind? Die Schularten unterscheiden sich vor allem im Tempo, in dem der
Lernstoff behandelt wird, im Abstraktionsgrad – also mit oder ohne Einsatz von
anschaulichen Beispielen – und in der Häufigkeit oder im Fehlen von
Wiederholungen und Übungszeiten verbunden mit der Anforderung an das Gedächtnis
des Lerners.
Das Gymnasium vermittelt den Lernstoff in einem sehr hohen
Tempo bei hoher Anforderung an das Gedächtnis. Der
Eigenschaftenkatalog des Gymnasiasten entspricht nahezu dem idealen Schüler.
Wenn ihn auch sicherlich nur wenige ganz erfüllen, darf Iris nicht all zu weit
davon abweichen, damit sie auf dieser Schulart bestehen kann.
Was Eltern bei ihrem Grundschulkind beobachten können:
Hat Iris den neuen Stoff in der Mathematik oder im Heimat-
und Sachunterricht gleich in der ersten Stunde verstanden und gelernt oder
dauert es die ganze Woche über? Braucht sie sogar noch die helfende Erklärung
und Vertiefung mit Hilfe von Zeichnungen durch die Eltern?
Wie lange hält ihr Gedächtnis das Gelernte fest oder
sickert es bereits nach ein paar Tagen wieder durch das Gedächtnissieb?
Sind die Hausaufgaben zügig erledigt oder braucht sie ständig
einen elterlichen Antreiber, damit ihre Gedanken nicht allzu weit abschweifen,
sie sich längere Zeit konzentrieren kann?
Verzichtet sie auch schon einmal auf eine Stunde Freizeit,
um den Mathematikstoff zu vertiefen, weil eine Klassenarbeit ansteht? Ausdauer
und Anstrengungsbereitschaft werden durch einen Schulwechsel nicht erheblich
beeinflusst; oft ist dies allenfalls nur ein kurzes Strohfeuer.
Wie geht Iris mit einer schlechten Note um? Lässt sie sich
anspornen „Jetzt erst recht!“ oder wirft sie die Flinte ins Korn „Ich
schaff das ja sowieso nicht!“. Gerade beim Wechsel auf eine neue Schulart ist
anfangs auch mit Misserfolg zu rechnen, denn nun kommen alle schnellen Lerner
zusammen und bilden die Vergleichsgruppe. Hier sind also Frustrationstoleranz
und Arbeitshaltung gefragt.
Wie aufgeregt ist Iris vor einer Probe? Ein gewisses Maß
an Angespanntheit bringt ihre volle Leistungsfähigkeit
zur Geltung. Doch kippt sie um in Prüfungsangst, verhindert ein
Blackout, dass sie das Gelernte abrufen kann. Begleiterscheinungen sind dann
Bauchweh und Schlaflosigkeit. Bei einer Steigerung der Anforderungen werden sich
Versagensängste verstärken, besonders weil dann auch die Gewichtigkeit einer
einzelnen Arbeit größer ist. So entscheidet auf dem Gymnasium in manchen Fächern
bereits eine einzelne schriftliche Arbeit, ergänzt durch ein mündliches
Abfragen, über die Zeugnisnote.
Ein prüfungsängstliches Kind braucht eine Schulart, in
der es mit hoher Wahrscheinlichkeit Erfolgserlebnisse hat, damit sein
Selbstwertgefühl wachsen kann.
Was können Nachhilfeinstitute leisten?
Crash-Kurse zur Aufnahmeprüfung für den Übertritt an das
Gymnasium oder an die Realschule bringen vor allem dem Lerninstitut volle
Kassen, denn sie erwerben sich durch den Übertritt der Kinder dauerhaft
zahlende Kunden, die auch und gerade auf der künftigen Schule dann weiterhin
Unterstützung brauchen.
„Die Chance soll sie haben, dann können wir weiter
sehen!“ Dieser elterliche Leitsatz führt bei etwa 50 % der Schüler, die nach
der 4. Klasse auf ein Gymnasium übertreten, zu dem Erleben mit einem
elementaren Misserfolgserlebnis fertig werden zu müssen, denn nur etwa 50 % der
eingetretenen Schüler erreichen das Abitur. Zudem geht dem Verlassen der einst
so erwünschten Schule häufig ein Martyrium voraus. Die Lebenserfahrung heißt:
Nicht geschafft!
„Der Zug ist abgefahren!“
denken Eltern, wenn ihr Kind nach der 4. Klasse den Übertritt
auf das Gymnasium oder die Realschule nicht schafft. Doch sie bedenken nicht,
dass ihr Kind vielleicht den Gipfel des Berges leichter in Serpentinen erreicht
und ihm die Luft ausgehen würde, wenn es steil
nach oben klettern würde. Manche Jugendliche brauchen erst die Bewährung in
der Praxis, um das Lernen wieder motiviert anzugehen. Die Hauptschule bereitet
diese Schüler gründlich auf die handwerklichen, technischen und kaufmännischen
Berufe vor und hilft vor allem frühzeitig zur Orientierung.
Eltern müssen nicht die Lebensträume für ihre Kinder
begraben und es am Ende der Image-
und Einkommensordnung sehen, wenn es auf die Hauptschule geht.
Die Durchlässigkeit der Schularten ist mittlerweile sehr
hoch. Bildungsabschlüsse, die zum Besuch von Fachschulen und Hochschulstudien
berechtigen, sind auf verschiedenen Wegen zu erreichen.
Eltern, denen es um das Image und um das soziale Umfeld
geht, in das ihr Kind nach der Grundschulzeit Zugang erhält, sollten sich vor
Ort über die tatsächlichen Verhältnisse an der zugehörigen Hauptschule überzeugen.
– Anders als die Katastrophenberichte in den Medien gibt es viele Hauptschulen
mit einem breiten Angebotsspektrum im musischen, sportlichen und technischen
Bereich. Homepages, Pressemeldungen und Jahresberichte überzeugen ebenso wie
der Gang über den Pausenhof oder ein Gespräch mit den Betroffenen selbst, den
Schülern.
Kinder brauchen gelassene Eltern,