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Legasthenie – die Lese- Rechtschreibstörung

Liebe Eltern!

„Übung macht den Meister!“ Mit diesem allseits bekannten Sprichwort wollte eine Mutter ihre Tochter in der 3. Klasse zum Rechtschreibtraining motivieren. Doch Karina stellte fest: „Nein, Üben macht schlapp!“

Vor allem brachte es nur kurzzeitige Erfolge in Nachschriften, in denen der vorher eine Woche lang geübte Text wortwörtlich wiedergegeben werden musste. Hingegen strotzten die Fremddiktate und Aufsätze nur so von fehlerhaften Wörtern. Hier zeigt sich das schlecht ausgebildete Wortbildgedächtnis von lese-rechtschreibschwachen Kindern. 

Karina sieht den Sinn des Übens bald nicht mehr ein und verweigert rigoros, die Nachschrift jeden Tag zusätzlich zu üben. Mittlerweile klagt sie am Morgen über Bauchweh und mittags über Kopfweh; die Schule wird für sie immer mehr zur Bedrohung.

Die psychologische Untersuchung beim Schulpsychologen ergibt die Diagnose: Lese- und Rechtschreibschwäche oder Legasthenie.

Was steckt hinter diesem Zauberwort?

Legasthenie / Lese- und Rechtschreibschwäche ist ein verzögertes Erlernen des Lesens und Rechtschreibens bei ansonsten befriedigenden schulischen Leistungen und „normaler“ oder gar überdurchschnittlicher Intelligenz. Die Fachliteratur spricht von einer Teilleistungsschwäche, von einem „isolierten Funktionsausfall im schriftsprachlichen Bereich“. Wenn sich ein Kind dagegen in allen Fächern den Stoff langsam aneignet, spricht man von einer allgemeinen Lernschwäche oder gar Lernstörung.

Durch die sich häufenden Misserfolgserlebnisse in einem so wichtigen Lernfeld stellen sich oft weitreichende negative Folgen für das Selbstwertgefühl oder gar psychosomatische Beschwerden ein, verbunden schließlich mit genereller Schulunlust und vielleicht sogar Schulversagen. Um dies zu verhindern, setzten sich Wissenschaftler und Eltern über Medien und über den Landtag für eine stärkere Berücksichtigung der Legasthenie in der Schule ein. Seit November 1999 erhalten Kinder mit einer schulpsychologisch und fachärztlich nachgewiesenen Legasthenie einen Nachteilsausgleich bis hin zum Abitur. Mit Hilfe von Zeitzuschlägen bei Probearbeiten und der Befreiung von Diktaten sollen diese Kinder ihrer Begabung gemäß gefördert werden und der ständigen Entmutigung entgehen.

Was können Eltern beobachten?

In der Anfangszeit der Legasthenieforschung galten nur solche Kinder als Legastheniker, die „typische“ Fehler machten, wie das Verwechseln von akustisch oder optisch ähnlichen Buchstaben (b – p; w – m; d – t). Mittlerweile wissen wir, dass dies vor allem Fehler von jüngeren Schulkindern sind, oft auch noch mit der Druckschrift verbunden. Älteren Kindern ist es trotz intensiver Übung unmöglich, Rechtschreibregeln richtig anzuwenden (Groß- und Kleinschreibung, Verdoppelung von Mitlauten wie bei „Kanne“ oder Dehnungszeichen wie bei „Riese“ oder „Rahmen“. Auffallend ist auch, dass ein und das selbe Wort in einem Text in mehreren Variationen geschrieben wird oder dass die neu gelernte Dehnungsregel plötzlich dazu führt, dass alle möglichen Wörter mit Dehnungs-h geschrieben werden, also eine Übergeneralisierung erfolgt.

Bei Kindern mit einer Legasthenie verläuft oft der Prozess des Schriftspracherwerbs von Beginn der Schulzeit an langsamer und lückenhafter. Nicht selten findet sich außerdem ein ganzes Bündel von Belastungen, die sich gegenseitig verstärken:  Schwierigkeiten, eine Aufmerksamkeitsspanne längere Zeit aufrecht erhalten zu können, die das Kind schon mit auf die Welt bringt, und die oft mitverursachend für die Schreibschwäche sein können, feinmotorische Beeinträchtigungen, die eine fahrige, ungelenke Schrift bewirken, Zappeligkeit also  Hyperaktivität und Impulsivität nach dem Motto „Erst handeln, dann denken!“. Diese Kinder haben es besonders schwer, denn im Sinn eines Teufelskreises verstärken sich die Probleme gegenseitig. Sie unterliegen nicht dem Willen des Kindes und ständige Ermahnungen: „Du musst mehr üben!“ führen vor allem zu Entmutigung und dem Gefühl, nicht o.k. zu sein.

 Woher kommt die Legasthenie?

Darauf gibt es nach wie vor keine eindeutige Antwort, denn wie alles Lernen stehen auch beim Schriftspracherwerb die angeborenen Anlagen und die Anregungen der

vorschulischen und schulischen Umwelt in Wechselwirkung. Da in vielen Familien über mehrere Generationen hinweg Legasthenie auftritt, gehen neuere Forschungen von einem erheblichen Erbfaktor aus. Häufig berichten Eltern von Legasthenikern von Hörproblemen und von Sprachentwicklungsrückständen  in der frühkindlichen sensiblen Phase. Dies scheint eine Auswirkung auch auf die schriftsprachliche Entwicklung zu haben.

Wie können Eltern dem Legastheniker helfen?

Das Wichtigste ist, dass die Eltern Verständnis für das Kind haben und es nicht durch Schuldzuweisungen und ein enttäuschtes Gesicht noch mehr entmutigen. Statt dessen sollte der Lernfortschritt ins Blickfeld rücken: „Prima, vier Fehler weniger als beim letzten Mal!“

Je nach Schweregrad der Störung lässt sich durch kontinuierliche sinnvolle Übung die Rechtschreibfertigkeit durchaus verbessern. Systematische Einprägeübungen müssen ergänzt werden durch zunächst wenige Regeln, in höheren Jahrgangsstufen mehr, durch Analogien und Reimwörter (Wunde – Hunde) und durch Ableitungen von verwandten Wörtern. Eine wichtige Hilfe ist die sogenannte Pilotsprache: Der Pilot steuert sein Flugzeug, das Mitsprechen des zu schreibenden Wortes die Hand.

Auch für rechtschreibschwache Kinder gilt: Schreiben lernt man nur vom Schreiben – doch in Maßen und mit Köpfchen!

Ein Übungsschwerpunkt – dosiert nicht länger als täglich zehn Minuten – sollte das Lesen sein, denn nicht lesen können hat Auswirkungen auf alle Lernbereiche.

Eltern und Lehrer sollten gemeinsam mit dem Schulpsychologen die  Hilfsmaßnahmen abstimmen, die einerseits das Kind entlasten, andererseits nicht die Diagnose „Legasthenie“ zur Ausrede für unliebsame Hausaufgaben zulassen und dazu führen, dass sich das Kind ganz dem Üben entzieht. Möglichkeiten sind hier Lückentexte statt der ganzen Texte oder nur die Hälfte der Nachschrift, ebenso die Befreiung von der Diktatnote. Hier ist auch Achtsamkeit geboten, da manche Kinder die „Andersbehandlung“ als noch stärkere Abwertung erleben als eine schlechte Note. Neben dem vorher schon erwähnten „Nachteilsausgleich“ besteht auch die

Möglichkeit, die Rechtschreibung bei „anerkannten“ Legasthenikern ganz aus der Berechnung der Zeugnisnote im Fach Deutsch herauszurechnen oder bei Lese- und Rechtschreibschwachen diese zurückhaltend zu gewichten. Dies wird dann in der Zeugnisnote vermerkt. Mit der Englischnote lässt sich ähnlich verfahren: Hier sollen die Vokabeln mündlich abgefragt werden und mündliche und schriftliche Noten zählen gleich viel.

Neben den Hilfsmaßnahmen finden an der Schule in der Regel auch Förderstunden statt, in denen eine kleine Gruppe von betroffenen Kindern zusätzliche Förderung im Lesen und Rechtschreiben erhält.

In besonders gravierenden Fällen von Entmutigung kann mit Hilfe eines schulpsychologischen oder kinderpsychiatrischen Gutachtens über das Kreisjugendamt eine Legasthenietherapie durchgeführt werden, damit für das Kind wieder eine Basis für das Weiterlernen geschaffen werden kann.

 

Autorinnen:

Katharina Schlamp / Dr. Christine Kaniak-Urban

s.a.: Dr. Kaniak-Urban/Schlamp 2000: Mit Spaß und Erfolg durch die Grundschule, Urania-Ravensburger-Verlag Berlin

 
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