Liebe Eltern!
„Wenn Ihr Kind hoch begabt ist, wieso zeigt es dies denn
nicht?“ Diesen Satz haben Sie vielleicht schon von der Lehrerin Ihres Kindes
gehört, nachdem Sie ihr in der Sprechstunde das Ergebnis der psychologischen
Testung eröffnet haben. Für Sie eine Erklärung für Leistungsschwankungen
Ihres Kindes, für die Lehrerin eine gern benutzte Ausrede für Eltern von
verhaltensauffälligen Kindern! Was
hat es mit Hochbegabung auf sich?
Manche Hochbegabte machen es Eltern und Lehrern leicht: Sie
lernen schnell und behalten das Gelernte lang. Sie sind wahre Musterschüler,
sind wissensdurstig, haben sich schon in der Vorschulzeit selbst das
Lesen beigebracht., entwickeln sich zu Profis auf einem oder mehreren
Spezialgebieten, sei es Botanik, Schach oder dem Computer. Sie können in der
Klasse als Vorbild und Gruppenanführer anerkannt
sein oder sich als ernste und fast einsame Kinder zum Einzelgänger entwickeln,
wenn andere Kinder ihre Interessen nicht teilen. Sie lernen besonders gut, wenn
sie selbstständig arbeiten können und ihre eigenen Lösungswege gehen.
Für solche Kinder können Eltern und Lehrer oft gar nicht genug zusätzliche
Anregungen im Unterricht bieten. So ist das Überspringen einer Klasse die beste
Förderung, wenn sie sich unterfordert fühlen und sich in den Warteschleifen
langweilen. Doch fühlt sich das Kind in der Klasse wohl und nutzt am Nachmittag
noch die Zusatzangebote von Schach-, Sportclub, Musikschule und Volkshochschule
oder die schulischen Neigungskurse und die mittlerweile durch das Internet
schier grenzenlos zur Verfügung stehenden Informationsquellen, kann es auch gut
in der Klasse bleiben.
Elternverbände hoch begabter Kinder sehen es als ihre
Aufgabe an, Erfahrungsaustausch zu ermöglichen und Förderangebote in Form von
Ferienkursen zu machen. Hier treffen sich Kinder mit ähnlichen Interessen und
ähnlicher Leistungsfähigkeit. Im Zentrum aller Suche von Anregungen und
Freizeitaktivitäten müssen immer die Interessen des hoch begabten Kindes
stehen.
An einigen Gymnasien sind Spezialklassen für Hochbegabte
eingerichtet. Hier wird außer dem
altersgemäßen Lehrplan noch zusätzlicher interessanter Lernstoff angeboten,
zum Beispiel aus den Bereichen Philosophie, Astronomie oder Logik. Ähnlich gibt
es an fast allen Gymnasien Pluskurse als Wahlfächer mit weiter führenden
Inhalten.
Eine Falle für Hochbegabte sind am Gymnasium Fächer, in
denen Fleiß gefordert ist. Da ihnen das Lernen in der Grundschulzeit mühelos
gelingt, entwickeln sie oft zu wenig Lernstrategien, die zum Aneignen von
Sprachen unumgänglich sind.
Wenn Kinder beim Eintritt in die erste Klasse schon lesen können,
lassen sie sich als kleine „Lehrer/innen“ einsetzen, die längere Texte oder
Arbeitsaufträge vorlesen können oder als Tutorin für die Banknachbarin.
Manche hochbegabte Kinder
machen es Eltern und Lehrern schwer, den richtigen Schulweg und die
richtige Förderung zu finden. Es sind Kinder mit einer unausgewogenen
Entwicklung wie Franz: Eltern und Lehrerin erscheint es, als ob er zwei
Gesichter hätte: einerseits klug, vollzieht rasch komplizierteste mathematische
Zusammenhänge nach, hat schnell die richtige Lösung parat,
erricht einen hohen Wert im Intelligenztest - andererseits trödelnd,
feinmotorisch ungeschickt, eine verzögerte Entwicklung in der Fähigkeit,
Anweisungen aufzunehmen und umzusetzen und eigene Bedürfnisse aufzuschieben und
sich längere Zeit in das Rechnen zu vertiefen, um schließlich auch die
Einmaleinsen auswendig zu können. So
fällt es ihm schwer, einen Unterrichtsvormittag durchzustehen und seine
Leistungen auf das Papier zu bringen. Wie wird seine Schullaufbahn aussehen?
Geistige Unterforderung einerseits und Probleme beim Schreibenlernen und beim
Durchstehen des Unterrichtsvormittags andererseits. Dies verwirrt nicht nur die
Lehrerin und die Eltern, sondern ihn selbst am allermeisten. Er hat es schwer,
seine Identität zu definieren, für sich selbst zu klären, was er wirklich
kann und was nicht. Diese Verwirrung und die reale Frustration drohen zu
massiven Schulschwierigkeiten zu führen.
Für Kinder wie Franz ist eine vorzeitige Einschulung oder
das Überspringen einer Klasse kein Allheilmittel. Vielmehr muss für sie ein
differenziertes Hilfsangebot mit Unterstützung aller Beteiligten ausgearbeitet
werden.
Zwei Wege werden bei der Förderung von Hochbegabten
beschritten, meist werden sie kombiniert:
Zum einen Akzeleration, also ein schnelleres Durchlaufen
des Schulprogramms durch vorzeitige Einschulung und Überspringen einer Klasse
als anspruchsvolleres Schulangebot.
Zum anderen die Anreicherung von Unterricht und Freizeit
durch anspruchsvollere Aufgaben und am Nachmittag durch individuell ausgewählte
Anregungen, um ein breites Spektrum von Begabungen zu entwickeln.
Hoch begabte Kinder brauchen