Ihr Sohn Maxi kam eines Tages aus der
Schule nach Hause und statt des üblichen "Hallo Mama!" und "Mach’ ich
schon!" begrüßte er sie mit "Fick dich ins Knie!" als sie ihn bat, die
Schultasche nach oben in sein Zimmer zu tragen. Frau Bauer war sicher: Diesen
Ausdruck hatte sie zu Hause nie benutzt! Nachdem sich ihr erster Schock gelegt
hatte, blieb nur Ratlosigkeit. Was tun, wenn Kinder "Schweinewörter"
benutzen? Sollte sie ihrem Ärger Luft machen? Sollte sie ihn verhören und zur
Reden stellen? Oder war es richtig, einfach mit Nachdruck ein Verbot
auszusprechen?
Der lautstarke Gebrauch von obszönen
Ausdrücken wie Arschficker, schwule Sau, blöde Nutte usw. oder auch der offene
Gebrauch von Zeichen wie des "Fick Fingers" als Drohgebärde ist heute in
der Schule ein Phänomen, das Lehrer und Eltern zunehmend hilflos macht.
Einfache Verbote im Sinne einer Aussperrung der Fäkaliensprache sind wenig
wirkungsvoll ebenso wie Schimpfkanonaden, die das Kind heruntersetzen und die
Beziehung gefährden. Inquisitorische Fragen dagegen: "Woher hast du das?"
drängen Kinder in eine Verteidigungshaltung und machen sie schließlich
unerreichbar für pädagogisches Handeln.
Um was geht es den kleinen Rebellen?
Kraftausdrücke faszinieren Kinder,
allen voran die Jungen, weil sich mit ihrer Hilfe hervorragend Grenzen und
Normen austesten lassen: Wie klar und sicher beziehen die Erwachsenen Position?
Wie souverän ist mein Lehrer, meine Lehrerin, sind meine Eltern? Wie viel Verständnis
zeigen sie? Gibt es bei denen auch so etwas wie Humor? Und wagen es diese
Erwachsenen auch wirklich, Farbe zu bekennen? Außerdem sind die Wörter vor
allem bei den Jungen auch ein sicheres Kampfmittel um die ersten Rangplätze in
der sozialen Hierarchie der Klassenkameraden.
Zwar ist die Gossensprache voller
sexueller Inhalte, und die Vermutung liegt nahe, dass die filmkonsumierenden
Kinder einfach mehr Aufklärung wollen. Natürlich sind Körperlichkeit, Intimität
und Geschlechtlichkeit ein ungeheuer spannendes aber auch verwirrendes Feld für
Kinder. Dennoch ist auch nach einfühlsamer Aufklärung das Begreifen der Kinder
über die Sexualität der Erwachsenen immer nur ein Annäherend-Begreifen.
Vorrangig geht es den Kindern nicht so sehr um die Inhalte der "Schweinewörter“",
die sie oft gar nicht kennen, sondern es geht ihnen um die Reaktion allen voran
der Erwachsenen.
Was Eltern und Lehrer tun können
Die Grundregel des pädagogischen
Handelns lautet: Mit Kraftausdrücken werden nicht nur Grenzen getestet, es
werden auch andere Menschen herabgesetzt, entwürdigt und verletzt.
Ignorieren
Hört man den Kraftausdruck vom Kind
zum ersten Mal, kann man ihn einfach ignorieren. Das Kind lernt dann: Was beim
Freund gewirkt hat, kommt bei meinem Lehrer, meiner Lehrerin, kommt bei meinen
Eltern nicht an. Wenn aber über die “Schweinewörter“ die
Erziehungsbeziehung infrage gestellt wird, muss man sofort handeln. Dasselbe
gilt, wenn durch Überhören das Verhalten des Kindes sich nicht verändert.
Dann geht es dem Kind vorrangig um das Austesten der Grenze, die es immer wieder
einfordert, bis es endlich eine Reaktion erfährt.
Stopp: Andere werden verletzt!
Der Bezug auf die Norm: Das sagt man
nicht! genügt oft nicht und regt die kindliche Phantasie eher an. Dann müssen
die Erwachsenen deutlich machen, dass solche Worte verletzen: "Michael, ich fühle
mich verletzt, wenn du sagst: Fick dich ins Knie!" oder: "Die Anna ist
verletzt, wenn du sie als Ficksau beschimpfst. Ich möchte nicht, dass wir uns
hier weh tun!"
Aufklärung über die Inhalte
Vielen Kindern genügt der Hinweis
auf die Verletzung und Herabsetzung nicht. Sie wollen verstehen, warum das Wort
weh tut. Dann kann der Lehrer, kann die Lehrerin, nach Absprache mit den Eltern
zum Beispiel beim Elternabend deutlich machen, was das Wort bedeutet: "Ficken
ist ein nicht sehr schönes Wort für zärtlich mit einem Mann oder einer Frau
kuscheln und schlafen, die man sehr lieb hat. Eine Ficksau ist jemand, der gar
nicht darauf achtet, ob er einen anderen Menschen lieb hat, sondern wie die
Tiere mit jedem kuschelt und schläft, egal ob er ihn/sie lieb hat oder nicht.
Außerdem ist es einer Ficksau ziemlich gleichgültig, ob jemand dabei zusieht
oder nicht."
Die Kraft der Rituale
Eine gute Wirkung haben zum Abschluss
des pädagogischen Handelns Rituale, z.B. eine “Schweinwörter-Zeit“: Einmal
in der Woche für 5 bis 10 Minuten Fäkalienausdrücke erlauben oder diese auf
Zettel schreiben lassen und in einem Kasten versenken.
Autorinnen:
Katharina Schlamp / Dr. Christine
Kaniak-Urban
s.a.:
Dr. Kaniak-Urban/Schlamp 2000: Mit Spaß und Erfolg durch die Grundschule,
Urania-Ravensburger-Verlag Berlin