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Geschwister oder die längste Beziehung im Leben

Liebe Eltern,

“Schwestern sind nervig“ und “Brüder wünscht man manchmal auf den Mond“ so die Aussagen von Kindern an der Beratungsstelle. Die ungeliebten Geschwister werden zuweilen als giftige Spinne abgewertet oder als Brüllaffe lächerlich gemacht. 

Die Eltern steuern angesichts dieser diagnostischen Unterlagen eine Fülle ähnlicher Erfahrungen mit ihren Kindern bei – und doch: Geschwister sind wichtig, sind sie doch die längste Beziehung im Leben, die wir kennen. Brüder und Schwestern sind in erster Linie Konkurrenten um den besten Platz in Mamas und Papas Herz, und noch bei der Verteilung des Erbes, oft in hohem Erwachsenenalter, ist dieses Lebensziel virulent. Es hat den Anschein, als müssten Geschwister kämpfen, um einander auch zu lieben und zu unterstützen.

Geschwister helfen einander beim Leben-Lernen

Sich vom Mitkonkurrenten unterscheiden

Wer um einen Platz im Familiensystem ringt, muss erst einmal in seinem So-Sein wahrgenommen werden. Obwohl Geschwister mit denselben Eltern und in derselben Umgebung aufwachsen, sind sie in ihrer Persönlichkeitsstruktur oft sehr unterschiedlich. Damit sie gesehen und gehört werden, bemühen sich Geschwister, sich vom Mitkonkurrenten zu unterscheiden. Oft suchen sie sich eine Rolle, die im Familiensystem noch nicht besetzt ist und die ihren Neigungen entspricht.

Die Grenze meines Handelns erfahren

Geschwister zeigen sehr bald die Grenzen des eigenen Handelns auf. Zwar kann ich meinen Bruder oder meine Schwester zuweilen hassen, aber ich darf nicht handeln, wie ich will. Auf diese Weise lernen Geschwister bald, dass es besser ist, Kompromisse zu schließen, als meine Interessen mit aller Macht durchzusetzen oder mich beleidigt zurückzuziehen.

Geschwisterliebe – wunderbar

Und natürlich gibt es sie auch, die Liebe zwischen Geschwistern. Wie viel gibt es doch täglich, das gemeinsam getan werden kann: Pokemon Figuren tauschen, miteinander kuscheln, jemanden kennen, mit dem ich Geheimnisse teilen kann. Zwischen Geschwistern entwickelt sich oft ein Vertrauen, welches das ganze Leben trägt.

 

Über die Position in der Geschwisterreihe

Einer der bekanntesten Blickwinkel, unter denen die Beziehung zwischen Geschwistern betrachtet werden kann, ist die Geburtenfolge. Sie beeinflusst die Partnerwahl ebenso wie den Schulerfolg:

Die Erstgeborenen – Kinder, die sich oft überfordern

Die ersten Kinder einer Familie tragen im Marschgepäck ihres Lebens, dass sie die Eltern eine Weile ganz allein für sich hatten und dann oft schmerzlich entthront wurden. Aus diesem Grund übernehmen sie am ausgeprägtesten die Wertvorstellungen und die Lebensziele ihrer Eltern. Älteste Kinder sind oft ernste Kinder, die sich sehr bemühen, die Forderungen von Mutter und Vater zu erfüllen. Es ist deshalb wichtig, dass Sie immer wieder überprüfen, ob Ihre Ziele auch mit der Persönlichkeit Ihres Kindes übereinstimmen.

Die Jüngsten – Sonnenschein oder Rebell

Die Jüngsten profitieren einerseits von der gewachsenen Kompetenz und dem Vertrauen ihrer Eltern, andererseits aber auch von ihrer Wehmut des Abschieds vom engagierten Elternsein. In ihren älteren Geschwistern haben die Jüngsten gute Modelle, was die verschiedensten Fähigkeiten fördert, allen voran die Sprachentwicklung. Um sich der Übermacht der älteren Geschwister gegenüber zu behaupten, besetzen diese Kinder oft die Nische des “Sonnenscheins“. Wichtig ist, dass Sie als Eltern Ihre Jüngsten nicht klein halten, sondern deren Fortschritte genauso beachten, wie Sie das bei Ihren anderen Kindern getan haben. Aber auch als Rebellen, die alle Normen des Familiensystems auf den Kopf stellen, sichern sich die Jüngsten zuweilen Beachtung – eine Nische, die aber auch das mittlere Kind gerne besetzt. 

Die schwierige Position des Sandwich-Kindes

Die mittleren Kinder haben zweifelsohne die schwierigsten Position in der Geschwisterreihe. Sie gehören nirgendwo dazu. Bei Bedarf werden sie einmal zu den Großen gezählt: “Das kannst du doch schon!“, dann wieder gehören sie zu den Kleinen: “Dafür bist du noch zu jung!“ So haben diese Kinder Probleme mit ihrer Identitätsentwicklung. Die Frage: Wer bin ich? Spielt für sie eine große Rolle.

Sie brauchen Eltern, die ihre Persönlichkeitsentwicklung genau beobachten und bestrebt sind, ihnen einen eigenen Platz in der Familie einzuräumen. Um eine wirklich herausragende Rolle im Familiensystem zu ergattern, flüchten sie häufig in die Rolle des einsamen Außenseiters oder des verzweifelten Rebellen.

 

Was Eltern tun können

Geschwister brauchen einen sicheren Platz im Familiengefüge. Schwierig wird es immer dann, wenn Kinder in die Probleme der Eltern einbezogen  und zum Verbündeten je eines Elternteils im Kampf gegen den Vater oder die Mutter missbraucht werden.

Kinder wollen:

Eltern, die ihre Paarbeziehung nähren.

Eine lebendige Paarbeziehung entlastet die Kinder und stärkt sie für das Geschwisterleben.

Die Botschaft hören: Du wirst geliebt, so wie du bist!

Jedes Kind hat Anspruch darauf, bedingungslos geliebt und in seiner Art angenommen zu werden. Hier muss man sich nicht erst durch Arbeit für die Eltern seine Daseinsberechtigung erwerben z.B. durch gute Schulnoten

Linderung für die Wunden der Entthronung

“Können wir das Baby nicht verkaufen?“ ist eine der bang-trotzigen Fragen von älteren Geschwistern. Hilfreich kann es sein, in einer stillen Stunde gemeinsam alte Fotoalben aus der Zeit anzusehen, als z.B. der Älteste noch der Einzige war. Das Kind erlebt noch einmal, wie sehr sich seine Eltern über seine Ankunft freuten, und es erlebt, wie wichtig es im Leben seiner Eltern ist. Ein Hinweis auf einen ersten Platz “Ich bin richtig froh, dass du schon so groß bist...“ beendet dieses Ritual.

 

Wenn Sie, liebe Eltern, massiv unter dem Geschwisterkampf leiden, hat das oft mit Ihrer eigenen Angst vor Streit und Auseinandersetzung zu tun. Vielleicht fühlen sie sich als Versager, weil es in Ihrer Familie nicht friedlich zugeht. Jedoch ist es gut, nicht sofort einzugreifen und bereitwillig die Rolle des Schiedsrichters zu übernehmen. Natürlich kann man auch mal Partei ergreifen oder ein Kind vor dem anderen schützen, aber solches Eingreifen darf nicht zur Regel werden. Wichtig ist, dass die Kinder in einem solchen Fall abwechselnd den elterlichen Schutz genießen und nicht eines zum ständigen Sündenbock gemacht wird.

 

Autorinnen:

Katharina Schlamp / Dr. Christine Kaniak-Urban

s.a.: Dr. Kaniak-Urban/Schlamp 2000: Mit Spaß und Erfolg durch die Grundschule, Urania-Ravensburger-Verlag Berlin

 
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