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Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom

Hilfe, mein Kind kann sich nicht konzentrieren!

 Liebe Eltern,

“Mein Kind kann sich nicht konzentrieren!“ dieser Hilferuf von Eltern ist der häufigste Anmeldegrund an der schulpsychologischen Beratungs- stelle. In letzter Zeit nennen manche Eltern bei der Anmeldung bereits die Diagnose: “Der Felix hat sicher ADS!“. Auf Nachfrage stellt sich dann heraus, dass die Eltern in ihrer Not bereits in einem Buch oder einem Zeitungsartikel über das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom gelesen und ihr Kind in der Verhaltensbeschreibung wieder erkannt haben. Der Wunsch nach einer Pille oder einem rasch wirksamen Training steht alsbald offen oder verdeckt im Raum. Oft haben die zu Recht verzweifelten Eltern ebenso wie die Lehrer dem Kind bereits die Botschaft übermittelt: Du musst nur wollen, dann geht es! Was für das Kind auch heißt: Ich bin ein böses Kind, du willst einfach nicht!

Über die Begrifflichkeit

Alle Benennungen zu Störungen in der konzentrativen Aufmerksamkeit beschreiben dasselbe Verhalten: Die Kinder können sich nur kurze Zeit mit einem (Lern) Gegenstand beschäftigen, oft hampeln sie auf ihren Stuhl herum, Lernutensilien fallen herunter und in ihren Schulsachen herrscht ein ziemliches Chaos. Die Ursachen für dieses Verhalten sind mannigfaltig, und schon die verschiedenen Begriffe wie ADS oder Konzentrationsschwäche zeigen, dass ihnen unterschiedliche Erklärungsansätze zugrunde liegen.

Während der Begriff des ADS aus der Medizin nämlich der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt, die Ursachen also körperlich bedingt gesehen werden (neurologische Defizite, Stoffwechselstörungen), stammt der Begriff der Konzentrationsschwäche aus der Psychologie und richtet den Fokus auf die psychischen Ursachen. Medikamente wie Ritalin dürfen nur von Ärzten verschrieben werden, und auf die Pro und Contra Diskussion soll hier nicht eingegangen werden. Vielmehr möchte ich Ihnen vorstellen, was die Psychologie über die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, herausgefunden hat.

Was ist Konzentration?

Sie kennen sicher Momente, in denen Ihre Aufmerksamkeit völlig von dem aufgesogen war, was Sie gerade taten. Vielleicht saßen Sie am Computer und hörten die Türglocke nicht oder Sie glitten mit Skiern den Hang hinunter, und Ihre Bewegungen schienen von allein zu fließen. In solchen Situationen waren Sie hoch konzentriert.  Sich selbst intensiv zu erleben und gleichzeitig mit dem zu verschmelzen, was man tut, ein solches Verhalten bezeichnen wir als Konzentration. Kinder üben  solches Tun vor allem beim Spiel. Sie brauchen aus diesem Grunde auch in der Grundschule noch ausreichend Zeit zum Spielen. Eine hohe Spielfähigkeit ist immer auch eine gute Einübung in konzentriertes Lernverhalten.

Voraussetzung für das Aufbringen von Konzentrationskraft ist ein guter Kontakt zum eigenen Selbst, um von dieser Basis aus den Kontakt zu den Dingen und Aufgaben herzustellen. Wodurch dieser Kontakt einge- schränkt werden kann, werde ich Ihnen noch erzählen. Außer diesem Kontakt zum eigenen Selbst spielt bei der Aufmerksamkeitsleistung aber auch die Situation eine Rolle.

Von der Bedeutung der Situation

Vielleicht haben Sie auch schon oft beobachtet, dass ihr Kind hingebungsvoll am Nintendo spielt oder dass es stundenlang sich bemüht, einen Ball in ein Tor zu kicken. Ihr Kind ist also durchaus zur Konzentration fähig. In der Beratung höre ich dann oft etwas abwertend: “Ja, wenn ihn/sie was interessiert...!“ Die Beispiele zeigen, dass Konzentration keine Charaktereigenschaft ist, die immer und in jeder Situation auftritt, sondern dass die Fähigkeit zu konzentriertem Tun immer an eine bestimmte Tätigkeit gebunden ist. Sie hat etwas zu tun mit der Aufnahme und der Verarbeitung von Informationen und einem Ausblenden von Störungen. Die Aufmerksamkeit erhält sich entweder selbst aufrecht, wie bei sehr attraktivem Tun, oder sie muss durch Anstrengung aufrecht erhalten werden. Kein Kind kommt “unkonzentriert“ auf die Welt, sondern es gibt immer ein Hindernis, wenn ein Kind Schwierigkeiten mit seiner Aufmerksamkeit hat.

Was bringt ein Kind dazu, sich in der Schule nicht mehr zu konzentrieren?

In der Schule gibt es viele Aufgaben, die eher langweilig sind und bei denen die Aufmerksamkeit nicht durch das Interesse an der Sache gefördert wird. Wo auch “beim besten Willen“ diese Anstrengung nicht  aufgebracht werden kann, gibt es keinen Kontakt mit der Lernaufgabe. Wenn also das kindliche Selbst mit emotionalen Problemen zu kämpfen hat, wenn entwicklungsbedingte Wahrnehmungsprobleme die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen erschweren, wenn der Kontakt zum Körper-Selbst nur wenig vorhanden ist, wie bei sehr zappeligen Kindern,  oder wenn schließlich die Lern-Anforderungen für  die augenblickliche Denkkapazität des Kindes zu hoch sind, dann leidet auch die Konzentrationskraft. 

Was können Eltern tun?

Konzentrationsprobleme sind immer ein Notsignal dafür, dass es eine Barriere zwischen dem Kind und der Lernaufgabe gibt. Diese Barriere gilt es zu diagnostizieren, damit das Kind Hilfe zum Ausgraben seiner verschütteten Fähigkeit erhält, Kontakt zu den Aufgaben in der Schule herzustellen. Sie können sich an den Beratungslehrer/In Ihrer Schule wenden, einen Schulpsychologin/In oder auch an eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis. Konzentrationsübungen, wie sie meist in grafischer Form in Heften angeboten werden, sind höchstens sinnvoll zum Einsammeln der Aufmerksamkeit am Beginn des Unterrichts, niemals aber zur Heilung der “Konzentrationsnot“ des Kindes.

Autorinnen:

Katharina Schlamp / Dr. Christine Kaniak-Urban

s.a.: Dr. Kaniak-Urban/Schlamp 2000: Mit Spaß und Erfolg durch die Grundschule, Urania-Ravensburger-Verlag Berlin

Webseiten zu ADHS

Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung

Hypies

AG ADHS

Elterninitiative zur Förderung von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörung

Hyperaktiv

 

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